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Eine grüne Welle erfasst den Bielersee

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Carmen Stalder

Immer mehr Winzer stellen ihre Rebgüter auf biologische Produktion um. Am Bielersee streben derzeit vier Betriebe die Knospe von Bio Suisse an – unter ihnen die Weinbauern Fabian Teutsch, Willy Tiersbier und Michael Teutsch. Neben Freude an der Natur benötigen die Bio-Winzer auch Mut zum Risiko.

Noch ragen die Rebstöcke kahl und knorrig aus dem Boden. Erst bei genauerem Hinsehen sieht man die ersten Knospen, die aus den Ästen wachsen. Nicht mehr lange, und die Rebberge am Bielersee verwandeln sich in ein Meer aus grünen Blättern. Grün ist auch die Zukunft von Fabian Teutsch, Willy Tiersbier und Michael Teutsch. Alle drei Bielersee-Winzer sind dabei, ihre Betriebe von Bio Suisse zertifizieren zu lassen.

Sie stehen nicht alleine da: Im Kanton Bern produziert bereits mehr als jeder zehnte Weinbaubetrieb nach biologischen Richtlinien. Und es werden immer mehr. Gemäss Bio Suisse hat sich die Rebfläche der biologischen Betriebe in der Schweiz zwischen 1997 und 2017 vervierfacht. Am Bielersee gibt es derzeit sieben Betriebe, die über die Bio-Knospe verfügen oder nächstens zertifiziert werden.

«Immer mehr Winzer wollen nicht mehr konventionell wirtschaften und wenden sich Bio zu», sagt Lukas Inderfurth, Leiter Kommunikation bei Bio Suisse. Damit könnten sie auf den Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln und Kunstdünger verzichten und gleichzeitig eine hohe Biodiversität in den Reben erreichen. «Das Image des Bio-Weins hat sich in den letzten Jahren stark verbessert. Viele dieser Weine spielen bezüglich Qualität in der obersten Liga mit», so Inderfurth. Da auch die Nachfrage auf Konsumentenseite steigt, wird es für Winzer interessanter, die Umstellung zu wagen.

Auch Bio-Winzer spritzen

Weinbauern haben mit allerlei Gefahren aus der Natur zu kämpfen: Hagel und Frost, lästige Schädlinge und bedrohliche Pilze. Etwa die Pflanzenkrankheiten Echter und Falscher Mehltau stellen Winzer vor Herausforderungen. Für Produzenten von Bio-Wein ist das Risiko eines Ernte-Verlusts noch um einiges höher als für konventionelle Winzer. Das zeigt sich am Beispiel von Spritzmitteln – auf die entgegen der verbreiteten Meinung auch Bio-Winzer angewiesen sind. Synthetische Mittel dringen über die Blätter in die Pflanze ein, werden mit dem Saft verteilt und entfalten von innen ihre Wirkung. Biologische Spritzmittel dagegen werden auch Kontaktmittel genannt, denn sie verbleiben auf der Oberfläche der Blätter. Bei Regen wird der Schutz abgewaschen und die Winzer müssen erneut Hand anlegen – sonst droht Ungemach.

Bei Bio-Winzern kommen Kupfer gegen den Echten und Schwefel gegen den Falschen Mehltau zum Einsatz. Diese Spritzmittel sorgen durchaus für Kritik. Kupfer ist ein Schwermetall, das bei starker Anreicherung das Bodenleben beeinträchtigen kann. Und Schwefel wirkt in hohen Dosen toxisch gegen eine Vielzahl von Hefen, Pilzen und Insekten. Seit Längerem arbeiten Forscher deshalb daran, solche Spritzmittel durch unschädliche Präparate zu ersetzen.

Die drei befragten Winzer sind sich einig: Kupfer und Schwefel einzusetzen, ist zwar nicht gerade toll – aber immer noch besser, als synthetische Mittel zu verwenden. Zudem hat sich der Einsatz bereits massiv verringert. Heute sind nach biologischen Richtlinien noch maximal drei Kilogramm Kupfer pro Hektare erlaubt. Michael Teutsch hat sich gar zum Ziel gesetzt, unter zwei Kilogramm zu kommen. Dabei gelte es jedoch stets, das Wetter genau zu beobachten und das vertretbare Risiko abzuwägen. Denn einmal zu wenig spritzen kann zum Verlust der Ernte einer ganzen Parzelle führen.

Boden im Gleichgewicht

Michael Teutsch aus Ligerz hat sich letztes Jahr bei Bio Suisse angemeldet. Während zwei Jahren durchläuft er nun eine Umstellphase, der 2020er wird sein erster biologischer Weinjahrgang. Die Vorschriften und Kontrollen entsprechen in dieser Zeit bereits denen der Knospe. Allzu viel umstellen musste Michael Teutsch auf seinem 3,6 Hektaren grossen Betrieb allerdings nicht. Gedüngt wird bei ihm seit 20 Jahren nicht mehr, einzig Traubentrester fügt er dem Boden bei. «Der Boden ist mittlerweile im Gleichgewicht, ohne dass ich ihm etwas zuführen muss», erklärt der 34-Jährige.

Als Grund für den Entscheid, künftig auf Bio zu setzen, nennt Michael Teutsch die kommenden Generationen, für die er die Umwelt schützen und einen gesunden Boden erhalten wolle. «Das Label wird es uns zudem vereinfachen, gegenüber den Kunden unsere Arbeitsweise zu kommunizieren.» Schliesslich ist der Schritt für Teutsch eine logische Konsequenz des bisherigen Schaffens.

Er habe sich nämlich bereits seit fünf Jahren an eine biologische Produktion herangetastet und beispielsweise ab der Blütezeit keine synthetischen Pflanzenschutzmittel mehr verwendet. Auch auf Herbizide verzichtet er seit jeher. Das hat zur Folge, dass zwischen den Reben ungestört Gräser, Kräuter und Blumen wachsen. Damit sie den Reben nicht zu viel Licht, Energie und Wasser rauben, müssen die Streifen drei bis vier Mal im Jahr gemäht werden – was im Vergleich zur konventionellen Produktion einen Mehraufwand bedeutet.

Schafe als Rasenmäher

Für dieses Problem hat sich Willy Tiersbier aus Schafis eine originelle Lösung ausgedacht. Der 50-Jährige hält Schafe, die besonders in den steilen Lagen seiner Reben die Aufgabe eines Mähers übernehmen. «Damit habe ich sehr positive Erfahrungen gemacht», sagt er. Die Entschleunigung und die Abkehr vom intensiven Rebbau sieht er als Mehrwert der laufenden Umstellung. Tiersbier hat sich dieses Jahr bei Bio Suisse angemeldet und wird 2021 den ersten Bio-Wein produzieren. Seine 2,8 Hektaren hat er bisher gemeinsam mit seiner Frau Vera nach der Integrierten Produktion bewirtschaftet. Auch dabei handelt es sich um eine naturnahe Landwirtschaft, in der Dünger und Spritzmittel nur sparsam eingesetzt werden. Seit 15 Jahren pflanzt Tiersbier zudem immer mehr gegen pilzwiderstandsfähige Piwi-Sorten an. Heute machen diese bereits mehr als ein Drittel seiner Reben aus.

«Die Idee, auf Bio umzustellen, ist bei mir über Jahrzehnte gewachsen», sagt er. Während seiner Lehre habe er allerdings bei einem benachbarten Bio-Winzer gesehen, wie Mehltau grossen Schaden angerichtet hat. «Das hat mich geprägt.» Noch heute sei der Wechsel bei ihm mit einer gewissen Angst verbunden. Allerdings hätten sich die Rahmenbedingungen zum Positiven gewendet. Da wäre einmal die 2009 abgeschlossene Rebgüterzusammenlegung: Auf grösseren Parzellen fällt die Umstellung leichter als auf vielen unzusammenhängenden Flächen. Dann gibt es heute mehr Winzer, die biologischen Wein produzieren und damit auch mehr Austauschmöglichkeiten – sei es über das Wetter oder über Schädlinge. «Zudem kann ich von den Erfahrungen von Pionieren wie Bruno Martin profitieren», sagt Tiersbier.

Für den Schafiser bedeutet die Umstellung, dass er flexibler auf äussere Einflüsse reagieren muss, weniger nach einem fixen Schema arbeiten kann und mehr Handarbeit ansteht. Etwa die Laubarbeiten sind jetzt noch wichtiger: Bei zu vielen Blättern geht es nach Regen lange, bis die Rebe wieder trocken ist. In dieser Zeit steigt das Risiko von Pilzkrankheiten. Er nehme diese Mehrbelastung bewusst in Kauf, sagt Tiersbier. «Es braucht eine innere Bereitschaft, um mit Rückschlägen umgehen zu können.»

Abwehr der Reben stärken

Fabian Teutsch – übrigens nicht direkt mit Michael Teutsch verwandt – vom Weingut Schlössli in Schafis bewirtschaftet sieben Hektaren Reben. Auch er strebt seit Jahren eine möglichst naturnahe Weinproduktion an, 2021 folgt nun sein erster Bio-Wein. Der Vater habe bereits in den 80er-Jahren mit der Begrünung zwischen den Reben begonnen, eine Praxis, die damals noch nicht verbreitet war. Seit sechs Jahren verzichtet Fabian Teutsch auf den Einsatz von Herbiziden. Den Pflanzenschutz den biologischen Richtlinien anzupassen, ist für ihn eine weitere Herausforderung, der er sich seit diesem Jahr stellt.

Neben den ökologischen Aspekten geht es dem 40-jährigen Fabian Teutsch bei der Umstellung auch um die Qualität des Weins. «Für mich enthält biologischer Wein eine ganz andere Energie», sagt er. Das komme vielleicht daher, dass sich die Rebe ohne chemisch-synthetischen Schutz selbst stärken müsse. Sein Ziel: Die Abwehrkräfte der Rebstöcke so weit zu fördern, dass sie gar nicht erst anfällig für Pilzkrankheiten sind. «Wenn sich meine Reben in einem Gleichgewicht befinden, macht das nicht nur den Pflanzen, sondern auch mir Freude.»

Die Umstellung bedeutet für Fabian Teutsch, die Natur noch bewusster wahrzunehmen. Während der Wachstumsphase zwischen Mai und Juli gönnt er sich keine Ferien, damit er jede Veränderung der Reben beobachten kann. Längerfristig kann er sich sogar vorstellen, Demeter-Wein herzustellen. Das Label für biologisch-dynamische Lebensmittel verfügt über noch strengere Richtlinien als die Bio-Knospe. «Da stecke ich allerdings noch in den Kinderschuhen und bin erst dabei, mich einzulesen», so Fabian Teutsch.

Höhere Direktzahlungen

Die Herstellung von Bio-Weinen kommt einen Winzer grundsätzlich teurer zu stehen – entsprechend kosten auch die Weine mehr als konventionell hergestellte. Zwar sind die biologischen Pflanzenschutzmittel günstiger. Aber der Arbeitsaufwand ist grösser, ebenso das Risiko eines Ernteverlusts. Etwas ausgeglichen wird dies durch höhere Direktzahlungen durch Bund und Kanton. Ein konventioneller Winzer erhält pro Hektare und Jahr 1000 Franken, ein Biowinzer 1600 Franken. Da die Winzer am Bielersee allerdings nur über vergleichsweise kleine Rebflächen verfügen, schlägt sich diese Erhöhung nicht merklich nieder. «Im Gegensatz zu Landwirten müssen wir nicht von Direktzahlungen leben», sagt Michael Teutsch.

Die drei Winzer glauben, dass in den nächsten Jahren noch mehr ihrer Kollegen am Bielersee auf biologische Produktion umstellen werden. «Vor allem die jüngere Generation ist diesbezüglich mutiger», sagt Michael Teutsch. Willy Tiersbier ist überzeugt, dass noch einige «auf dem Sprung zu einer Umstellung» sind. Und Fabian Teutsch bringt es folgendermassen auf den Punkt: «Bio-Weine sind salonfähig geworden.» Ihm ist allerdings wichtig, dass sich zwischen Bio-Winzern und konventionellen Rebbauern keine Gräben auftun. «Man ist nicht besser, wenn man sich für das eine oder andere entscheidet.» Denn am Ende sind es immer noch die Konsumentinnen oder die Konsumenten, die den Wein auswählen.

BIO-BETRIEBE IM KANTON BERN UND AM BIELERSEE

- Im Kanton Bern gibt es 201 Weinbaubetriebe. Davon produzieren gemäss Fachstelle für Rebbau des Inforama 23 biologisch, das sind 11,2 Prozent.
- Von den 250 Hektaren Rebfläche im Kanton wird auf 51 Hektaren biologisch produziert, also auf 25 Prozent der Rebfläche.
- Etwa 60 Prozent der Weinbaubetriebe im Kanton Bern verzichten auf Herbizide.

Am Bielersee sind folgende Winzer von Bio Suisse zertifiziert oder befinden sich in Umstellung:
- Mit Knospe: Bruno Martin und Christian Dexl aus Ligerz, Barbara und Florian Vetsch aus Twann.
- Umstellungsbetrieb im zweiten Jahr: Michael Teutsch aus Ligerz.
- Umstellungsbetriebe im ersten Jahr: Alfred Lüthi aus Alfermée, Willy und Vera Tiersbier sowie Fabian Teutsch aus Schafis.