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Herzblut für das neue Weinbauzentrum

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Christian Dietz-Saluz
Peter Märki wird ab 1. Januar Leiter des neuen Weinbauzentrums Wädenswil. Der Stäfner will dem Deutschschweizer Wein vom Zürichsee aus Schubkraft für einen hart umkämpften Markt geben.

Wann ist für Sie ein Wein gut: Nur wenn er Ihnen schmeckt?

Peter Märki: Ich bin Weinsensoriker, daher stelle ich hohe objektive Ansprüche an den Wein. Ich beurteile jeden Wein aber auch subjektiv. Deshalb muss mir ein Wein zuerst schmecken, damit ich ihn für gut befinden kann.

Muss guter Wein teuer sein?

Guter Wein hat seinen Preis. Aber der Preis hängt nicht nur ab von der sensorischen Qualität, sondern auch von den Produktionskosten. Die sind zum Beispiel in der Schweiz um einiges höher als im Ausland. Hier steckt viel Handarbeit drin, auch die klein strukturierten Betriebe machen den Wein nicht billiger. Dafür hat Schweizer Wein meist einen eigenen, typischen Charakter. Der Preis alleine entscheidet jedoch nicht, ob es ein guter Wein ist.

Welchen Wein bevorzugen Sie?

Am liebsten trinke ich Wein aus der Region, in der ich mich gerade aufhalte – meist also Deutschschweizer Wein.

Sie sind promovierter Agronom und diplomierter Weinsensoriker: Können Sie einfach einen Schluck Wein nehmen ohne Nachdenken und Analysieren?

Es gibt sicher einen Reflex, den Wein objektiv zu prüfen. Wie reagieren Nase, Gaumen? Wie hoch ist der Tanningehalt? Das passiert bei jedem Schluck. Ich trinke nie gedankenlos Wein.

Sie geben Kurse in Weinsensorik: Was bringt dieses Wissen?

Dank sensorischem Wissen kann man aus Wein zum Beispiel die Traubensorte und ihre Typizität lesen, das Alter beurteilen und gewisse regionale Charaktere her­aus­finden. Aber ob jetzt die Rebe auf schiefrigem, auf Kalk- oder Granitboden gewachsen ist, das kann ich nicht herausschmecken.

Beginnt der Weingenuss erst mit dem Wissen über Wein?

Es hilft vor allem bei zwei Sachen: Erstens lerne ich kennen, wie ein korrekter Wein schmecken soll und was ein fehlerhafter Wein mit Korkgeschmack, Oxidation, Essig und anderen Störungen ist. Zweitens lernt man im Sensorikkurs, welchen Wein man bewusst gerne trinkt. Man erfährt auch, was zum Essen passt.

Wie würden Sie Wein mit ­wenigen Worten beschreiben?

Wein ist ein Naturprodukt, mit Leidenschaft produziert, mit ­Genuss getrunken und als Kultur verstanden.

Weshalb wird Wein als Kulturgut bezeichnet?

Wein hat eine jahrtausendealte Tradition in der Landwirtschaft – auch in der Schweiz. Daher ist Wein ein Teil unserer Kultur. Und es ist Tradition, an festlichen Anlässen Wein anzubieten. Also ist auch der Weingenuss eine Kultur.

Sie haben für den Bund gearbeitet, für den Gemüseverband, für Migros, Aldi – alles Schaltstellen: Warum jetzt das Weinbauzentrum Wädenswil, wo man sicher kleinere Brötchen bäckt?

Mich reizt es, nochmals für ein Projekt Vollgas zu geben, hinter dem ich mit Herzblut stehe. Das Weinbauzentrum Wädenswil ist ein sinnvolles Projekt für den Weinbau. Mein persönliches Engage­ment für den Deutschschweizer Wein ist mir wichtig.

Welche Pläne haben Sie mit dem Weinbauzentrum?

Entstanden ist es aus der Idee, den Weinbaustandort Wädenswil mit dem Sitz des Deutschschweizer Branchenverbands zu stärken. Wädenswil besitzt grosse Tradition in Forschung und Ausbildung durch Agroscope, Hochschule und Strickhof. Ausserdem gehört mit dem Weinbaumuseum in der Au eine weitere wichtige Institution dazu. Plan ist es, diese Tradition zu festigen, fortzuführen und damit diesen Standort zu erhalten.

Das Weinbauzentrum wird zur Drehscheibe für Deutschschweizer Wein: Die Zürichseewinzer sind also nicht privilegiert?

Nein, die Träger sind alle Deutschschweizer Weinbaukantone. Der Standort ist aber für die Winzer vom Zürichsee sicher kein Nachteil, weil wir viele Weiterbildungsveranstaltungen in der Region durchführen. Dazu befinden sich zwei Versuchsbetriebe in Wädenswil und Stäfa, deren Erkenntnisse wegen des gleichen Klimas und ähnlichen Bodens gut übertragbar sind auf diese Weinbauregion.

Wohin wird sich der Deutschschweizer Wein entwickeln?

Die Produktion wird sich weiter in Richtung grösserer Strukturen entwickeln. Die fortgeschrittene Technik im Weinbau mit besseren Maschinen erlaubt es, grössere Flächen mit weniger Arbeitskräften zu bewirtschaften. Die Profiwinzer werden weiterhin wachsen. Daneben wird es aber auch einen bedeutenden Bereich von Traubenproduzenten und Hobbywinzern geben.

Das Weinbauzentrum widmet sich auch dem Marketing: ­Welchen Nachholbedarf hat hier der Deutschschweizer Wein?

Das ist ein Bereich, in dem bisher auf Stufe Weiterbildung wenig angeboten wurde. Man muss sich vor Augen halten: Der Winzer ist sowohl Landwirt und Produzent als auch Kellermeister und Verkäufer in einer Person. Wenn er einen dieser drei Bereiche nicht im Griff hat, bekommt er ein Problem. Marketing war bisher eher ein Stiefkind der Weiterbildung.

Welche Marktchancen hat der Wein vom Zürichsee?

Im Marketing hat der Zürichseewein eine gute Ausgangsposition, weil der grösste Abnehmer gleich vor den Toren liegt: die Stadt ­Zürich. Der lokale Vorteil muss ausgespielt werden, weil gerade für die Winzer vom Zürichsee der lokale Markt extrem wichtig ist.

Existiert der Weinbau am Zürich­see angesichts des Siedlungsdrucks noch in 50 Jahren?

Davon bin ich überzeugt. Es ist unser Ziel, dass der Wein in der Deutschschweiz Zukunft hat. Die heutige Grösse des Weinbaus am Zürichsee wird auch in 50 Jahren Bestand haben. Der Siedlungsdruck wird daran nicht viel ändern, weil die heutigen Anlagen sich meist in der Landwirtschaftszone befinden. Welche Sorten in 50 Jahren angepflanzt werden, ist aber offen. Der Klimawandel kann uns bei neuen Sorten und bei der Qualitätsverbesserung helfen. Neben dem Klima tragen die Ausbildung und der Konkurrenzdruck dazu bei, dass immer mehr auf Qualität produziert wird. Mit Quantität allein kommt in der Schweiz kein Winzer mehr voran.

Was passiert mit Ihrem Geschäft Wein am See in Stäfa?

Mit meiner neuen Aufgabe werde ich das Geschäft Mitte nächstes Jahr schliessen.

 

«Der Standort des Weinbauzentrums ist für die Winzer vom Zürichsee sicher kein Nachteil.»Peter Märki, designierter Leiter des Weinbauzentrums Wädenswil.

 

 

Zur Person

Peter Märki (54) lebt in Stäfa, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Seine Hobbys sind Tennis, Badminton, Skifahren, Joggen und Wein. Seit 2014 ist er Mitglied der Schulpflege Stäfa (GLP). Märki ist Dipl.-Ing. Agr. ETH sowie Doktor der Agrarwissenschaft. Er arbeitete als stellvertretender Leiter Landwirtschaftsdienst im General­sekretariat im Volkswirtschaftsdepartement unter Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz. Von 1998 bis 2001 leitete er den Verband Schweizer Gemüseproduzenten. Später arbeitete Märki im Migros-Genossenschafts-Bund und bei Aldi Suisse in leitenden Funktionen. Daneben baute er sich in Stäfa sein Geschäft Wein am See auf, berät Unternehmen der Nahrungsmittel- und Weinbranche. Ausserdem ist Märki in Weinbauprojekten im Kanton Aargau aktiv. di

Weinbauzentrum Wädenswil

An der Schlossgass 8 in Wädenswil, dem jetzigen Agroscope-Keltereigebäude, hat das neue Weinbauzentrum seinen Sitz. Am 1. Januar nimmt es seinen Betrieb mit einem zehnköpfigen Team auf und wird zur Drehscheibe für den Deutschschweizer Wein. In den drei Geschäftsbereichen Öno­logie & Rebbau, Labor & Analytik, Wissenstransfer & Beratung forscht, prüft, analysiert, berät, publiziert und lehrt das Zen­trum und bietet Dienstleistungen an für die Deutschschweizer Weinbranche und Interessierte der Weinkultur. Die Tätigkeiten des Zentrums werden gebündelt in den Schwerpunkten Strukturwandel, nachhaltige Produktion, Wein als Kulturgut sowie Weinmarketing und Digitalisierung.

 

Bild: Peter Märki, der neue Leiter des Weinbauzentrums Zürichseee in Wädenswil auf dem Stäfner Lattenberg.